Die zwei Seiten der Medaille:
Der Herdenschutzhund als arbeitender Herdenschutzhund 

Es scheint sich hierzulande ein neuer Trend aufzutun: der Herdenschutzhund als arbeitender Herdenschutzhund. Anstatt nun eifrig alles, was irgendwie nach Herdenschutzhund aussieht – oder sich ähnlich verhält –, an Herdentiere heranzulassen und zu erwarten, dass sofort Hund, Herdentiere sowie Umfeld davon profitieren, sollte man sich vorab gewissenhaft Gedanken machen. Sehr schnell erkennt man dann, dass die Idee zwar auf den ersten Blick gut zu sein scheint, aber das nur bei einer sehr einseitigen Betrachtungsweise.

Um ein vollständiges Bild zu bekommen, sollte man sich nicht nur an der Bezeichnung „Herdenschutzhund“ orientieren und diesen Hundetypus darauf reduzieren, sondern ihn vielschichtiger sehen.

Die Reihe „Die zwei Seiten der Medaille: Der Herdenschutzhund als arbeitender Herdenschutzhund“ besteht aus mehreren Artikeln. Lesen Sie hier Teil I:

Herdenschutzhunde haben in den Ursprungsländern (Portugal, Türkei, Griechenland etc.) eine sehr lange Tradition. Sie schützen Herdentiere wie Schafe und Ziegen vor vier- und zweibeinigen Beutegreifern. Nun ist dies eine gewachsene Struktur und nicht so ohne weiteres auf Deutschland übertragbar. Möchte der Schäfer in Deutschland oder auch in der Schweiz seine Tiere vor Beutegreifern schützen, so kann er nicht auf jahrhundertelange Erfahrungen zurückgreifen, wie sie beispielsweise in der Türkei oder in Kroatien bestehen. 

Potentielle Konflikte sehe ich zum einen im Erfahrungsschatz und leider auch oftmals in der Einstellung des Schäfers, und zum anderen im räumlichen Umfeld der Schafherde mit den weiteren Bewohnern dieses Gebietes. In meiner Tierschutzarbeit für in Not geratene Herdenschutzhunde werde ich immer häufiger konfrontiert mit Anfragen von Besitzern von Herdentieren (Ziegen, Schweine, Schafe, Pferde), die einen Herdenschutzhund zum Schutz ihrer Herdentiere einsetzen möchten. Auffällig ist bei einem Großteil der Anfragen, dass noch nicht einmal das elementare Wissen über die Grundbedürfnisse eines Herdenschutzhundes vorhanden ist. Viele gehen davon aus, dass es sein ausschließliches Lebensziel ist, Herdentiere zu schützen. Dass dem nicht so ist und ihr Aufgabengebiet weiter zu fassen ist und sich nicht nur auf Tiere beschränkt, wird unter anderem aus einem marokkanischen Spruch über die dort beheimateten Aidis deutlich: „Was in den Städten die Mauern und Dächer, sind in den Bergen die Hunde.“. Herdenschutzhunde dürfen nicht auf den Herdenschutz reduziert werden.

Dies ist einer der Gründe, warum ich zwar auch den Terminus „Herdenschutzhund“ verwende, um eine Verwechslung mit Hütehunden auszuschließen, aber die Abkürzung HSH bevorzuge, die für mich steht für:
Hirtenhunde mit primär
Schutzfunktion und sekundär
Herdengebrauchshundqualitäten

Verständnis für die Eigenständigkeit der HSH aufzubringen, fällt den meisten Schäfern schwer, beschränken sich doch ihre Erfahrungen in der Regel auf die leichter erziehbaren Hütehunde. Ein HSH wird aber für den Arbeitseinsatz weniger vom Menschen erzogen, sondern er wächst in dem Umfeld auf, in dem er seine Arbeit verrichten soll und lernt von erfahrenen Hunden. Er schaut sich die Arbeitsweise ab und lernt am Vorbild. Fehlen diese gemeinsamen Lehrstunden, und der Hund macht seine Arbeit nicht wie gewünscht, so wird kurzsichtig dem Hund die Schuld dafür gegeben. So ist mir unter anderem ein Fall von einem Schäfer aus der Schweiz bekannt, der von seinem halbjährigen HSH, allein auf sich gestellt, einen Schutz der Herde erwartete und diesen verprügelte, weil er sich bei einem Wolfsangriff versteckte. Dieses Beispiel zeigt leider keine ungewöhnliche Erwartungshaltung: Es wird vom HSH erwartet, dass er wie ein technisches Gerät mit der perfekten Einstellung „ab Werk“ die Herdentiere schützt und keinerlei Ansprüche stellen darf. 

Wird der HSH ausschließlich als reines Nutztier, als ein zu funktionierendes Wirtschaftsgut für einen möglichst großen „Ertrag“ (i.e. Schutz der Herde) gesehen und werden seine eigene Persönlichkeit und seine elementaren Bedürfnisse missachtet, so ist dies ein unwürdiges Leben und wird früher oder später zu Problemen führen. HSH sind wie alle Hunde in erster Linie sozial organisierte Lebewesen. Und auch wenn die Herdentiere als soziale Ressource angesehen  werden, erfüllen sie nicht das Bedürfnis nach Kontakt mit einem Sozialpartner wie ein anderer Hund oder Mensch. Aus diesem Grund fordere ich eine Haltung von mindestens zwei HSH im Herdenschutz. Mir werden immer wieder HSH für das Vermittlungsportal www.herdenschutzhundhilfe.de gemeldet, deren Elterntiere bei Schafen eingesetzt werden, aber die selber nicht bei den Schafen bleiben möchten. Die Besitzer geben sie ab, weil sie zu sehr auf den Menschen bezogen sind und deren Nähe bevorzugen.

Den zweiten Konfliktpunkt, der beim Einsatz von HSH in Deutschland besteht, sehe ich in unseren beengteren landschaftlichen Gegebenheiten als es in den Ländern der Fall ist, in denen die HSH ursprünglich beheimatet sind. Es sei denn, sein Einsatzgebiet ist durch entsprechende Umzäunung oder Behirtung gesichert. Natürlich gibt es auch hierzulande weitläufigere Landschaften. Je geringer jedoch die Distanz der HSH mit ihren Herdentieren zu anderen Menschen ist, umso mehr Überschneidungen mit Konfliktpunkten wird es geben.

Leider werden oftmals Warnhinweise und Verhaltensregeln, sogar selbst den gesunden Menschenverstand, missachtet, und die Schafherde wird mitsamt ihrem HSH als ein Streichelzoo fehlinterpretiert. Oder es wird sogar vermutet, dass der HSH es lustig findet, mit dem gassigeführten Hund zu spielen. Reagiert der HSH auf solche Aktionen ungehalten, müsste streng genommen aufgrund der Hundeverordnung und des Unverständnisses eine Einordnung als  „gefährlicher Hund“ erfolgen. Der Leidtragende ist der HSH, der nur seine Arbeit gemacht hat.

So naturverbunden und natürlich es zunächst klingen mag, Herdentiere von HSH schützen zu lassen, so häufig scheitert dies an den hiesigen umgebenden Bedingungen. Stimmen die Voraussetzungen beim Schäfer und in dem Lebensumfeld, so kann jedoch diese Symbiose fruchtbar sein.

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